HOME > Articles-written by Petra Neumann (DE)

Kunstvolles Spiel mit Damast
05.10.2013
Von Christine Schick
Japanischer Maler und Grafikdesigner Jun Azumatai zeigt im Atelierfenster seine Werke
Von Petra Neumann

MURRHARDT. Auf dem Wolkenhof fand eine kleine, feine Vernissage statt: Der japanische Maler und Grafikdesigner Jun Azumatei stellt im Fenster des ehemaligen Heinrich-von-Zuegel-Ateliers drei seiner Werke aus. Das Besondere an ihnen: Sie sind auf Damast gemalt und dadurch semitransparent. Wenn der Besucher sie vom Raum aus, gegen das Licht betrachtet, wirkten sie wie bunte Scherenschnitte. In Japan selbst ist Damast unbekannt, obgleich die Webtechnik einst in China erfunden wurde und ueber die Seidenstrasse nach Europa kam, mit einer wichtigen Zwischenstation - Damaskus - woher sich auch die Bezeichnung ableitet. Vor vier Jahren kam Jun Azumatei nach Europa und in die Schweiz. Dort entdeckte er diesen Stoff, der ihn derartig faszinierte, dass er ihn als Leinwandersatz verwendete. Er bearbeitet die Grundlage mit Filzstiften und bemalt sie weiter in mehreren Schichten. Ein Stueck weit ist das Thema vorgegeben. Die Muster sind die primaere Ausgangslage. Sie koennen ganz fein auf der einen Seite koloriert sein und auf der anderen Seite sind dann die Zwischenraeume wie Puzzleteile ausgemalt. Oder das Rosenmuster wurde in Weissbelassen, der Rest schwarz gehalten, was wie eine viktorianische Tapete wirkt. An manchen Stellen zeugen Flecken von der Geschichte der Damaststoffe als Tischdecke oder Bettwaesche. Insofern wird ein Stueck Privat- und Alltagsleben in die Oeffentlichkeit verlegt - jedoch in kuenstlerischer Verfremdung. Interessant war auch die Praesentation der Bilder. Die drei Werke waren in ein Gestaenge, aehnlich eines Paravents, bemalt mit feinen Tupfen, eingefasst. Das erinnerte an einen japanischen Raumunterteiler.

Jun Azumatei arbeitet auch viel mit Fotografie. So hat er sich in London vom raschen Wechsel der Wolkenformation inspirieren lassen und eine Serie Wolkenbilder kreiert. Sie sind eine Kombination aus Fotografien, die er vergroessert und dann malerisch verfremdet. Bei einer Ausstellung konnten die Besucher die Werke nur aus der Ferne sehen, sie waren so angeleuchtet, als waeren sie Glasbilder. Wolken scheinen dem Kuenstler so wechselhaft und launisch wie Erinnerungen, die aus der Vergangenheit auftauchen.

Auch der Damast steht fuer Vergangenheit, diese fein gearbeiteten Textilien gehoeren einer anderen Zeit an. Ein Stueck weit bringen sie gelebte Geschichte mit, um dann in der Gegenwart modifiziert zu werden. Die Ausstellung von Jun Azumatei ueberschneidet sich auch mit dem (Kunst-)Handwerkermarkt, sodass quasi ein Kreislauf geschlossen wird: Bevor der Damast zur Kunst erhoben wurde, war er ein von Hand geschaffenes Produkt. Fuer Jun Azumatei jedenfalls ist er ein Stoff, mithilfe dessen seine Traeume Wirklichkeit werden, obgleich er im Titel einer Ausstellung im Jahre 2011 in Zuerich behauptete: "I still haven't found what I am looking for" (Ich habe noch nicht gefunden, was ich suche). Die Ausstellung im Atelierfenster, Wolkenhof 14, Murrhardt, ist bis zum 1. Dezember zu sehen. Wer Lust hat und noch sch?ne, aber funktionslose Damaststoffe zu Hause hat, ist eingeladen, sie mitzubringen, damit Jun Azumatei sie zur Kunst erheben kann.